„Wir müssen neue Formate für neue Informationsbedürfnisse entwickeln“

Der Wirtschaftsjournalist und Digitalexperte Olaf Deininger veröffentlichte in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Wirtschaftsjournalist“ (http://www.wirtschaftsjournalist-online.de) einen Kommentar, weshalb gutes Storytelling im Wirtschaftsjournalismus längst nicht mehr ausreicht. „Wir sollten beginnen über neue redaktionelle und neue inhaltliche Formate nachzudenken“, fordert er in seinem Plädoyer für Innovation im Journalismus. „Schließlich gibt es mehr als mehr als nur Nachrichten und Geschichten.“ Dazu stellten wir Olaf Deininger einige Fragen:

Was meinen Sie damit, wenn Sie schreiben, es gäbe mehr als nur Nachrichten und Geschichten?

Es gibt tatsächlich weit mehr journalistische Darstellungsformen als etwa nur Nachrichten und Stories. Doch das Problem ist: Diese klassischen Formate wie Nachrichten, Aktienkurse, kürzere oder längere Features, Hintergrundberichte und Reportagen drohen zunehmend nicht mehr alle Bedürfnisse der Leser und Nutzer zu erfüllen. Das gilt besonders für die Bedürfnisse von Business-to-Business-Zielgruppen sowie die der Nutzer und Leser von lokalen Informationen. Nutzer von Wirtschaftsmedien wollen Informationen, die mehr auf den Punkt kommen, Zeit sparen und im Kern das vermitteln, was gebraucht wird. Verlangt wird etwa eine umfassendere Recherche, mit möglichst allen Fakten zum Gegenstand. Auch jenen Fakten, die für die journalistische Dramaturgie gar nicht nötig sind und deshalb oft weggelassen werden. Oder jene, die der guten Story zuwiderlaufen. Bei manchen Geschichten denkt der Leser: Das ist ja zu schön, um wahr zu sein. Und häufig ist es dann auch leider so.


Ihr Text legt nahe, dass wir den Journalismus neu erfinden müssen?

So weit würde ich nicht gehen. Aber wir müssen den Container aufmachen. Denn – wie gesagt – nicht alles ist eine Nachricht. Wenn ich als Besucher eines Volksfestes etwa wissen möchte, wo ich parken kann oder was der Parkplatz in diesem Jahr kostet. Hier haben Leser verständlicherweise wenig Lust, diese Information, die irgendwo nach dem dritten Absatz auftaucht, aus einem Text von etwa 8.000 Zeichen herauszufischen. Wir müssen intensiver über digitale Nutzwerte und die wirklichen Bedürfnisse der Nutzer nachdenken. Wir müssen herausfinden, wie wir dazu neue Technologien sinnvoll einsetzen können. Und: Wir müssen uns vom Kult um die gute Geschichte lösen. 

Wie sollen die neuen neue redaktionelle und neue inhaltliche Formate entstehen? Und was zeichnet sie aus?

Die Formate müssen in den jeweiligen Redaktionen entwickelt werden. Dazu brauchen wir mehr IT-Know-How in den Redaktionen. Es gibt im Augenblick viele Ideen, wie man Journalismus weiterentwickeln kann: Etwa neue nutzwertige und analytische Ansätze für redaktionelle Angebote. Dossierartige Formate, die sich mehr auf Fakten und weniger auf die Dramaturgie konzentrieren. Automatische und halbautomatische Applikationen und Textgenerierung. Das Zusammenführen von unterschiedlichen Datenquellen. Interaktive Formate, die den Nutzer in die Recherche mit einbinden. Man sollte auch die Formate öffnen und den Leser als informierten Content-Lieferanten und Experten mit einbeziehen. Und schließlich Transdiziplinarität: Gesellschaftliche Problembearbeitung und wissenschaftliche Analyse könnten wir stärker miteinander verbinden. Wissenschaftliches Wissen (Erkenntnis) und Alltagswissen (Erfahrung) stärker zusammenbringen.

Was hemmt aus Ihrer Sicht die Entwicklung?

Natürlich müssen wir als Journalisten die Technologie und die technologische Entwicklung kritisch betrachten. Doch wir dürfen uns von einer Skepsis gegenüber den neuen technologischen Möglichkeiten im Journalismus nicht lähmen lassen. Und: Redakteure müssen immer bereit sein, sich weiterzuentwickeln und ggf. auch ehemals Fachfremdes dazuzulernen. 

Welche Chancen bietet die Technologie?

Viele Redakteure müssen ihre Zeit noch damit verbringen, Tätigkeiten auszuführen, die man heute automatisieren kann. Würde man das tun, könnte man Ressourcen für mehr anspruchsvolle journalistische Tätigkeiten schaffen und dafür sorgen, das nötige IT-Know-How in den Redaktionen aufzubauen. Außerdem bietet etwa Data Mining neue Chancen für bessere Analysen, für Benchmark-Vergleiche und wirkliche Best-Practice-Beispiele. 

Wo geht die künftige Entwicklung hin?

Mehr Daten-Redakteure, mehr aus den Redaktionen heraus vorangetriebene Entwicklung, mehr IT-Know-How, mehr interdisziplinäre Projektgruppen. Und vor allem: einfache redaktionelle Tätigkeiten – wie etwa Einkürzen – werden Algorithmen machen oder zumindest dem Redakteur einen konkreten Lösungsvorschlag unterbreiten. Bei den Lösungen für Nutzer und Leser werden wir neuartige Informationsangebote, Analysen, Visualisierungen, aber auch viele Experimente sehen. 

Wie kann man sich den Journalismus in zehn Jahren vorstellen? Oder: Wie wünschen Sie sich den Journalismus in zehn Jahren? Und was sollte aus Ihrer Sicht nicht entstehen?

Positiv wäre, wenn die Medien durch den Einsatz von Technologie bessere und mehr nutzwertorientierte Formate anbieten könnten. KI im Journalismus könnte dafür sorgen, dass Redakteure von reiner Produktionsarbeit entlastet werden und sich um ihre eigentlichen, anspruchsvollen Tätigkeiten kümmern könnten – wie etwa Recherchieren,  Analysieren und natürlich Entwickeln. Und schließlich: ich würde mir wünschen, wenn die Tageszeitungen zu ihrem Alleinstellungsmerkmal der hochwertigen Lokalberichterstattung zurückfinden würden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Saim Alkan

Saim Alkan

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