Informationen auf individuelle Informationsbedürfnisse zuschneiden

Im Juni letzten Jahres gewann die Stuttgarter Zeitung mit dem Projekt „Feinstaubradar“ den Konrad-Adenauer-Journalismuspreis. Rund 1 Jahr danach stelle ich Jan Georg Plavec einige Fragen zu den Veränderungen im vergangenen Jahr und was noch auf uns zu kommt.

Hallo Jan Georg, bitte stelle Dich vor.

Hallo Saim, ich bin Jahrgang 1984 und nach meinem Studium an der Uni Hohenheim und zwei Jahren als Volontär bei der Stuttgarter Zeitung seit 2013 Redakteur bei Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. 2016 wurde ich Teil des Ressorts Multimedia/Reportage, in dem so unterschiedliche Dinge wie Video-Reportagen, multimediale Dossiers und klassische Print-Longreads erstellt werden. Außerdem, und das ist mein Schwerpunkt, verstehen wir uns als Entwicklungs- und Datenredaktion, die ambitionierte Innovations- und Digitalprojekte aufsetzt und dabei möglichst die Berichterstattung der gesamten Redaktion aufwertet. Seit meiner Volontärszeit unter dem heutigen SWMH-Innovationsmanager Tobias Köhler habe ich mich auf Datenjournalismus spezialisiert, was rückblickend eine sehr gute Entscheidung war. Neben meiner Redakteurstätigkeit bin ich seit Kurzem begeisterter Familienvater und Fliegermützenträger bei der Band Hawelka.

Wie beschreibst Du Deine Tätigkeit bei der Stuttgarter Zeitung im Hinblick auf Digitalisierung?

Es geht darum, den Leserinnen und Lesern ein besseres digitales Angebot zur Verfügung zu stellen. Auch der Datenjournalismus soll zuallererst die öffentliche Debatte verbessern oder überhaupt erst möglich machen. Die Projekte, an denen ich mitarbeite, sollen mit innovativen Mitteln möglich machen, was ein klassischer „Einzelschreiber“ so nicht leisten könnte. Ein erwünschter Nebeneffekt ist, dass damit Innovation in den Redaktionsbetrieb einsickert. Außerdem sind die Projekte in unserem Ressort immer auch Testfälle für neue Vermarktungsformen. Für unser Feinstaubradar haben wir beispielsweise die Gemeinde Bad Hindelang als Sponsor gewonnen – sie wirbt mit besonders reiner Luft. Das halte ich für ein gelungenes Beispiel, wie Datenjournalismus auch wirtschaftlich sinnvoll sein kann. Ganz wichtig dabei ist, dass wir bei uns im Ressort etwas mehr Luft als andere Kollegen haben, um solche Projekte zu entwickeln.

Im vergangenen Jahr hat Eure Redaktion mit dem Feinstaubradar den Konrad-Adenauer-Journalismuspreis gewonnen. Was hat sich seit dem Gewinn für Dich in Deiner täglichen Arbeit verändert?

Zunächst einmal mussten meine Chefin Steffi Zenke und ich das Projekt in sehr vielen Interviews, Vorträgen und bei Fachkonferenzen vorstellen, was uns nicht nur wegen der vielen Anregungen unserer Gesprächspartner große Freude gemacht hat. Außerdem ist so eine Auszeichnung natürlich immer auch ein Türöffner, der uns beim Pitchen von Folgeprojekten hilft. Die Themen Sensorjournalismus und Automatisierung werden mich auch durch das Jahr begleiten: Im November plane ich mit zwei Kollegen eine Konferenz im Literaturhaus, mit der wir die Community mal an einem Fleck zusammenbringen wollen.


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Vor wenigen Tagen ging ein grosses datenjournalistisches Projekt, der BW Atlas, online. Was hat die Redaktion dort umgesetzt und was konnte sie bereits daraus lernen?

Den BW Atlas gibt es eigentlich ja schon seit 2016, das war damals das erste „richtige“ Datenjournalismus-Projekt bei der Stuttgarter Zeitung. Der Erfolg dieses Projekts hat auch ein bisschen geholfen, die Strukturen zu entwickeln, in denen wir jetzt hier arbeiten. Der BW Atlas ist technisch natürlich wesentlich simpler als etwa das Feinstaubradar. Aber er macht ähnlich große Mengen (amtlicher) Daten zugänglich, und zwar so intuitiv wie möglich. Die Arbeit bestand vor allem in der Datenrecherche und für unseren Webentwickler in der Optimierung der User Experience. Der BW Atlas ist einerseits ein Angebot an unsere Leser, das die übrigens sehr gut annehmen – wir haben Verweildauern von mehreren Minuten auf dem Tool. Zum anderen arbeitet mehr als ein Dutzend Redakteure daran, die Zahlen auszuwerten und davon ausgehend Analysen und Reportagen zu erstellen. Das sind dann selbst gesetzte Themen, für die wir keine Pressemitteilung und kein provokatives Statement irgendeines Politikers brauchen und so dürfte Journalismus meiner Meinung nach gerne häufiger funktionieren.

Wohin führt und die zunehmende Automatisierung in der Medienlandschaft?

In den vielen Interviews mit Kollegen und Studierenden kam die Frage auf, ob Textroboter irgendwann die halbe Zeitung vollschreiben. Glaube ich nicht, weil die Zeitung davon lebt, dass man von Menschen ausgegrabene und aufgeschriebene Geschichten findet, die man noch nicht kennt. Beim Schreiben liegt die Stärke der Automatisierung doch viel eher darin, dem Leser nutzwertige Informationen so genau wie möglich aufs individuelle Informationsbedürfnis zuzuschneiden: Baustellen und Straßensperren im Viertel, die Entwicklung des eigenen Aktiendepots, das Polizeigeschehen in der Nähe, die Luftqualität. Technisch ist es weiterhin alles andere als trivial, solche Daten in hoher räumlicher Auflösung einzusammeln und sie auch auszuspielen. Aber wir arbeiten daran, und auch da kann Automatisierung helfen. Daten zu den genannten Themen können automatisiert erhoben und aufbereitet werden, und für die Berichte in der Zeitung hilft künstliche Intelligenz, uns auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam zu machen – deren Grund dann wiederum ein klassischer Schreiber mit guter Recherche ermittelt.

Welche Berufe werden sich vor diesem Hintergrund in den Redaktionen verändern?

Es wird weiterhin viele Fachredakteure geben, die in bestimmten Themenfeldern gut vernetzte Experten sind und dafür keine Datennerds sein müssen. Aber natürlich ist data literacy ein großes Thema für alle Redaktionen, das bislang leider noch etwas unterbelichtet ist. Mittlerweile basiert so viel Berichterstattung auf Statistik und Daten, dass Grundwissen darüber, wie Daten gesammelt und ausgewertet werden, zum Handwerkszeug dazugehören müsste. Darüber hinaus glaube ich, dass wir bei Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten mit dem Querschnittsressort den richtigen Weg gehen. Meine Prognose ist, dass es auf diesem Gebiet eine zunehmende Spezialisierung gibt, mit Datenredakteuren, Webentwicklern und Grafikern sowie hoffentlich künftig auch vermehrt Data Scientists. Wenn die möglichst breit in die Redaktion hineinwirken, kann Innovation gelingen, ohne eine große Zahl an Kolleginnen und Kollegen zu überfordern.

Danke für Deine Zeit, Jan Georg.

Saim Alkan

Saim Alkan

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